Der Forschungsverbund EXTRACTIVISM nimmt Bewerbungen für Kurzzeitstipendien (Fellowships) entgegen, die im Jahr 2026 für eine Dauer von bis zu zwei Monaten an der Universität Kassel und/oder der Philipps-Universität Marburg durchgeführt werden können.
EXTRACTIVISM ist ein an der Universität Kassel sowie an der Philipps-Universität Marburg angesiedeltes Verbundprojekt, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird. Der Verbund untersucht weltweit die Rohstoffgewinnung mit einem regionalen Schwerpunkt auf Lateinamerika und dem Maghreb. Im Zentrum steht die Analyse von Rohstoffländern im Kontext der Klimakrise und ihrer Verschränkung mit geopolitischen Umbrüchen, wachsenden globalen Ungleichheiten sowie Transformationsprozessen der Energieregime. Ausgangspunkt ist die These, dass ein vertieftes Verständnis der globalen Dekarbonisierung, einschließlich der sogenannten „Schattenseite der Nachhaltigkeit“ und ihrer Auswirkungen im Globalen Süden, zentral ist, um die Entwicklungsdynamiken rohstoffabhängiger Länder analytisch zu erfassen.
Das Stipendienprogramm
EXTRACTIVISM verfolgt das Ziel, die Entstehung und Dynamik von Nord-Süd- und Süd-Süd-Beziehungen zu analysieren, insbesondere unter Bedingungen zunehmender Bedeutung von Energiesicherheit und Rohstoffgeopolitik. Zu diesem Zweck kooperieren wir eng mit Wissenschaftler:innen aus den untersuchten Regionen und laden jährlich Gastforschende für bis zu zwei Monate nach Kassel und Marburg ein.
Unser Forschungsansatz verbindet einen starken empirischen Fokus mit theoretischer Arbeit, indem regionale Feldforschung und Primärdaten systematisch mit qualitativen und quantitativen Methoden verknüpft werden. Ziel ist es, vergleichende transregionale Analysen zu ermöglichen und neue theoretische und methodische Perspektiven aus einer Cross-Area-Perspektive zu entwickeln.
Das Fellowship-Programm richtet sich an Wissenschaftler:innen aus dem Globalen Süden sowie an Forschende mit thematischem Schwerpunkt auf dem Globalen Süden. Der regionale Fokus liegt auf Lateinamerika und dem Maghreb, ohne sich darauf zu beschränken. Angesprochen sind insbesondere Forschende aus den Disziplinen Politikwissenschaft, Ökonomie, Soziologie, Anthropologie, Nachhaltigkeitsstudien und Geschichte. Der interdisziplinäre Ansatz ist zentral, um den internationalen wissenschaftlichen Austausch zu fördern und Räume für theoretische, empirische und politikrelevante Debatten zu schaffen.
Im Jahr 2026 laden wir insbesondere Gastwissenschaftler:innen ein, die sich mit der Geopolitik der globalen Energiewende aus der Perspektive des Globalen Südens befassen.
Bewerbungsfrist: 31.03.2026
Thematischer Fokus
Von Fellows wird erwartet, dass sie die Bedingungen untersuchen, unter denen politische Aushandlungsprozesse und strukturelle Transformationen im Kontext der Energiewende möglich werden. Im Zentrum stehen dabei die geopolitischen und geoökonomischen Auswirkungen der Energiewende sowie deren Einfluss auf das politische Handeln strategischer Akteursgruppen im Globalen Süden, insbesondere in Lateinamerika und im Maghreb. Darüber hinaus begrüßen wir ausdrücklich Beiträge, die historische Perspektiven einbeziehen, um aus früheren Energie- und Strukturtransformationen analytische Erkenntnisse zu gewinnen.
Gesucht werden Wissenschaftler:innen, die zu folgenden Fragestellungen arbeiten:
- Welche Rohstoffe gewinnen im Zuge der Energiewende an Bedeutung, und welche nationalen wie internationalen Akteursgruppen profitieren davon?
- Welche geopolitischen Verschiebungen lassen sich bereits in Lateinamerika und im Maghreb beobachten?
- Wer zählt zu den Gewinnern und Verlierern dieser Transformation? Entstehen progressive Dynamiken, etwa in Richtung regionaler Integration oder struktureller Reformen, oder gewinnen reaktionäre Akteure an Einfluss?
- Wie reagieren Länder des Globalen Südens – insbesondere in Lateinamerika und im Maghreb – auf diese Herausforderungen in ihren Wirtschafts-, Außen- und Entwicklungspolitiken?
- Welche sozialen, politischen und ökonomischen Gruppen treiben Veränderungsprozesse voran, und welche wirken ihnen entgegen?
Weitere Informationen zum Projekt: www.extractivism.de
Thematischer Rahmen
Die Welt befindet sich im Übergang zu einem neuen Energiezeitalter. Die globale Dekarbonisierung und der Ausbau erneuerbarer Energien haben die Nachfrage nach strategischen bzw. „grünen“ Rohstoffen deutlich erhöht. Gleichzeitig haben geopolitische Spannungen und geoökonomische Konkurrenz nationale Strategien zur Neuordnung von Produktion und Konsum beschleunigt. Diese verfolgen das Ziel, globale Verwundbarkeiten zu reduzieren und neue technologische Spielräume, insbesondere im Bereich der grünen Technologien, zu nutzen. Parallel dazu bleibt die Nachfrage nach fossilen Energieträgern hoch; technologische Innovationen ermöglichen zudem neue Formen unkonventioneller Förderung, sodass Öl und Gas auch mittelfristig zentrale Rohstoffe bleiben werden.
Vor diesem Hintergrund erhalten viele Länder des Globalen Südens ambivalente und teils widersprüchliche Signale hinsichtlich ihrer Stellung in der Weltwirtschaft und ihrer internationalen Partnerschaften. Einerseits gewinnen sie als Standorte strategischer „grüner“ Rohstoffe an Bedeutung. Andererseits stehen sie weiterhin im Fokus von Akteuren, die eine kostengünstige Ausweitung der Öl- und Gasförderung anstreben. Lateinamerika und der Maghreb spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Historisch haben Lateinamerika und Afrika seit dem 19. Jahrhundert überwiegend extraktivistische Entwicklungsmodelle verfolgt, geprägt vom Export natürlicher Ressourcen in die industriellen Zentren Europas, Nordamerikas und Asiens. Heute sind beide Regionen erneut zentral für die globale Energiewende: Sie verfügen über bedeutende Vorkommen kritischer Rohstoffe und werden zunehmend als zukünftige Produzenten erneuerbarer Energie betrachtet. Debatten über strategische Mineralien, grünen Wasserstoff sowie großflächige Solar- und Windprojekte gehen mit innergesellschaftlichen Konflikten und der Neukonfiguration politischer Koalitionen einher.
Energiewenden sind jedoch immer auch Machtkämpfe. China, die EU und die USA dominieren gemeinsam mit transnationalen Unternehmen zentrale Sektoren der grünen Industrien und konkurrieren weltweit um technologische Führungspositionen und Rohstoffzugänge. Initiativen wie der European Green Deal und Global Gateway verändern bereits heute die politischen Ökonomien Lateinamerikas, indem sie Investitionen, Rohstoffförderung und neue Lieferkettenstrategien miteinander verknüpfen. Gleichzeitig setzen die Zollpolitiken der Trump-Ära viele Volkswirtschaften des Globalen Südens unter Druck, während China seinen Einfluss durch eine neu ausgerichtete Belt and Road Initiative weiter ausbauen konnte.
Extraktivistische Staaten stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits müssen sie ihre geopolitischen Beziehungen zum Globalen Norden in einem stark vom Wettbewerb um strategische Rohstoffe geprägten Kontext neu justieren. Andererseits verschärfen geopolitische Rivalitäten und protektionistische Tendenzen die strukturellen Grenzen für nachhaltige Technologie- und Wissenstransfers. Dadurch werden die Spielräume eingeschränkt, die Energiewende für wirtschaftliches Wachstum, strukturelle Transformation und die Überwindung persistenter extraktivistischer Entwicklungsmodelle nutzen zu können.
Das Fellowship-Programm setzt genau hier an: Wir untersuchen gemeinsam mit Fellows, inwiefern die Geopolitik der Energiewende bestehende extraktivistische Hierarchien reproduziert und unter welchen Bedingungen sie im Globalen Süden entwicklungsbezogene Autonomie und nachhaltige Transformationspfade ermöglichen.
Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
Fellowships richten sich an herausragende Sozialwissenschaftler:innen, insbesondere aus den Bereichen Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft, Internationale Beziehungen, Anthropologie und Geschichte.
Die Fellowships beginnen in der Regel ab Mitte September 2026. Ein Aufenthalt von mindestens einem Monat in Deutschland ist erforderlich. Die Auswahl erfolgt durch ein wissenschaftliches Gremium auf Grundlage akademischer Exzellenz, Publikationsleistung, Forschungserfahrung sowie der Qualität des eingereichten Forschungsvorhabens. Bewerber:innen sollten mit mindestens einer der Projektsprachen Englisch, Deutsch, Spanisch oder Französisch vertraut sein; ein entsprechendes Englischniveau wird dringend empfohlen.
Fellows erhalten ein monatliches Stipendium in Höhe von 3.000 €. Einmalige Reisekosten für die Reise von und nach Kassel oder Marburg werden übernommen. EXTRACTIVISM unterstützt familienfreundliche Arbeitsbedingungen und engagiert sich für Geschlechtergerechtigkeit, soziale Inklusion, Diversität und affirmative Action. Bewerbungen von Wissenschaftler:innen aus dem Globalen Süden sowie aus unterrepräsentierten Gruppen sind ausdrücklich erwünscht.
Bewerbungsformalitäten
Die folgenden Unterlagen sind auf Englisch, Französisch oder Spanisch einzureichen:
- Bewerbungsformular (Download), inklusive Angabe der verfügbaren Aufenthaltszeiträume
- Motivationsschreiben
- Kurzlebenslauf (max. 5 Seiten) mit projektbezogener Publikationsliste
- Kopie der Promotionsurkunde
- Forschungsvorhaben mit Zeitplan, Arbeitsprogramm und erwarteten Ergebnissen (max. 2.500 Wörter)
Bewerbungen sind bis zum 31.03.2026 als eine zusammenhängende PDF-Datei per E-Mail einzureichen an:
Weitere Informationen: www.extractivism.de
Download the call for application in English.
